Zero-G Thinking

FYP: Bei der Vorbereitung auf unser heutiges Gespräch bin ich auf „Zero Based Thinking“ gestoßen!

PMB: Das ist etwas anderes – Zero Based Thinking setzt das „Hier und Jetzt“ in ein neues Verhältnis zu den Erfahrungen und dem Wissen. Wenn sie zum Beispiel jetzt Ihren Job kündigen könnten und hätten die einmalige Möglichkeit, morgen früh erneut zu unterschreiben, nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen haben, würden Sie unterschreiben? Damit nehmen Sie den Druck jeder Emotion raus, weil Sie den Job vielleicht zum Überleben brauchen und bekommen eine Chance, ehrlicher darauf zu blicken. Wenn Sie zu einem „Nein“ kommen, könnte es die Grundlage für einen dringend anstehenden Change in Ihrem Leben sein.

FYP: Was ist dann Zero-G Thinking?

PMB: Zero Based macht Sie ja immer noch zum Gefangenen Ihrer Erfahrungen – Sie nehmen vornehmlich die Emotion aus dem Denkprozess heraus. Beim Zero-G Thinking nehmen Sie auch die Erfahrungen raus. Also was wäre, wenn eine gefühlte Gesetzmäßigkeit ein Trugschluss ist und alles genau umgekehrt wäre? Wie sieht dann der Plan, das Produkt, die Entscheidung aus?

FYP: Schwerelos und ohne jede Regel?

PMB: Ganz und gar nicht. Zero-G ist wissenschaftlich verankert. Es steht für den Zustand, dass keine Gravitation wirkt. In diesem Moment verhalten sich Körper anders. Sie dehnen sich z.B. aus und schweben im Raum. Unvorstellbar, wenn man nur Leben in Gravitation kennt und nicht genau das Gegenteil denken kann oder will. Richtig gute Entwicklungen basieren meist auf genau diesem „Denken nach anderen Gesetzmäßigkeiten“. Ich gebe ihm nur einen Namen und mache es greifbarer.

FYP: Zu abstrakt. Geben Sie mir bitte ein Beispiel!

PMB: Das iPhone und die Fehleinschätzung von Nokia, dass die Art und Weise wie man bei Nokia Kommunikation denkt, eben nur eine Möglichkeit ist und es eine genau entgegengesetzte geben könnte. Bei Nokia hat man gesagt, dass Apple schon sehen würde, wir hart der Markt ist. Es war für die Leute dort nicht vorstellbar, dass jemand einfach auf Basis völlig anderer Grundlagen seine Idee verwirklicht. Apple war sozusagen Zero-G unterwegs. Das Ergebnis kennen Sie.

FYP: Und wie vermitteln Sie das?

Dahinter steckt vor allen Dingen meine Art zu denken und dies zu vermitteln. Das funktioniert am besten in 1:1 Gesprächen. Hier sind die Ergebnisse ganz schnell wirklich erstaunlich. Meist haben Menschen ein ganz gutes Gefühl dafür, wenn etwas nicht stimmt und sie hemmt. Aber dann denken sie alles auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen. Es ist, wie es ist, weil es schon immer so war. Aber das stimmt nicht. Vieles ist, wie es ist, weil die Menschen es immer wieder so machen, wie es schon immer war. Und das gilt nicht nur für Sachliches, sondern auch für Beziehungen und Emotionen.

FYP: Wenn mich jemand beleidigt hat, dann hat er mich mal beleidigt. Das Gefühl war so und ist so.

PMB: Muss aber nicht sein. Was ist denn, wenn Ihre Wertehaltung in diesem Fall einfach nicht die einzig denkbare Haltung ist? Gehen wir zum Beispiel einmal davon aus, dass Sie dem Trugschluss unterliegen, dass Ihr Gegenüber mit Absicht gehandelt hat. Für Ihre Bewertung ist das auf jeden Fall relevant. Was glauben Sie, wie viele Menschen diesen klitzekleinen Zero-G-Gedanken noch nie zugelassen haben, es könnte keine Absicht gewesen sein?

FYP: Also beginne ich mich nur noch um andere zu drehen und mache mir laufend einen Kopf um sie und ihre Probleme oder Beweggründe?

PMB: Nein, auf keinen Fall! Sie machen es genau dort, wo es Sie betrifft und sich für Sie nicht gut anfühlt. Oder denken Sie, ich mache mir Gedanken darüber, warum irgendwann eine Verkäuferin im Supermarkt schnippisch war? Es hat mich nicht berührt, also ist alles gut.

FYP: Dann kann es aber wieder einsam werden – alle sind Egoisten.

PMB: Nicht wirklich. Eine der wichtigsten Ansatzpunkte ist das Identifizieren der relevanten Elemente in Ihrem Umfeld und Ihrem Leben. Was ist wichtig für das gewünschte Ergebnis und Erlebnis und was nicht? Kraft, Zeit und Engagement zuallererst für das Wichtige, dann für den Rest. Und mit Zero-G Thinking kommen Sie zu neuen Bewertungen und besseren Entscheidungen für sich selbst. Davon profitiert auch das eigene Umfeld. – Privat und beruflich.

FYP: Jetzt ist aber das Leben nicht nur eines der Beziehungen von Menschen. Es gibt auch viele Menschen, die arbeiten vornehmlich an Sachen oder großen abstrakten Projekten. Woher bekommen sie einen neuen Impuls?

PMB: Ich kenne jeden zunächst einmal nur oberflächlich. Da ich aber ein gutes Ergebnis für ihn und uns realisieren will, lasse ich mich auf ihn oder sie ein und versuche vorzudringen. Dabei bleibe ich aber Außenstehender und kann damit an den relevanten Stellen Zero-G denken und den Impuls weitergeben. Für mich gelten die Erfahrungen meines Gegenübers nie als Naturgesetz. Also muss er schon sehr überzeugt und überzeugend sein, um seine Sicht zu festigen. Wenn nicht, dann haben wir einen Punkt und können uns damit auseinandersetzen.

FYP: Und wenn es in die Details geht, dann können Sie einen wirklichen Rat geben?

PMB: Es ist keine Frage von Details, sondern die des Denkansatzes. Denkansatz und spezifisches Know-how oder Wissen bringen meine Gesprächspartner mit. Der Rest ist die Mechanik von Leben und Organisationen. Unternehmen haben eine bestimmte Mechanik, da kommen ein paar Branchenspezifika rein, aber die Mechanik ist immer wieder ähnlich. Sie haben Gesetze und meist sehen die Menschen darin diese Gesetzte nicht, obwohl sie sie jeden Tag selbst machen und festigen. Also können sie auch das Gegenteil dieser Gesetze nicht herbeiführen. Und mit Menschen und Beziehungen ist es ähnlich.

FYP: Die Mechanik, wie große oder kleine Unternehmen in unterschiedlichen Branchen funktionieren, ist nicht immer gleich. Wenn Sie also auf Mechanik verweisen, dann müssen Sie sich doch auch immer wieder neu einarbeiten?

PMB: Immer wenn mich jemand fragt, wo eine spezielle Erfahrung ist und ob ich z.B. „Tiernahrung“ schon mal gemacht habe, dann sage ich mit Inbrunst „NEIN!“ und stelle die entscheidende Gegenfrage: „Wollen Sie die Ergebnisse, die Sie schon immer hatten, weil Sie immer Leute gefragt haben, die das Fach inside-out kennen, oder wollen Sie neue Impulse?“ Und genauso verhält es sich mit den persönlichen Performance Mentoring – ich hatte noch nie einen genau 43,25 Jahre alten evangelischen Hauptabteilungsleiter Logistik mit 16 Mitarbeitern, Frau und drei Kindern im Alter von drei bis neun Jahren. Aber meine Erfahrungen aus der erfolgreichen Arbeit mit einem anderen Menschen, der 52 Jahre alt ist und keine Kinder hat, ist vielleicht der entscheidende Impuls, der ihn in neue Sphären bringt.

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Peter Bickel