Simulation und Business Gaming für Business Excellence

FYP: Ganz praxisnah soll es heute werden: Simulation und Business Gaming. Was ist das?

PMB: Dahinter steckt der Wunsch nach der Visualisierung von Änderungen in komplexen Organisationen oder Prozessen. Damit wird die Entwicklung eines intuitiven Verständnisses für die Abläufe und die Wirkmechanismen gefördert. Sie kommen quasi in-touch mit den potentiellen Auswirkungen ihres Handelns und das ganz ohne Risiko. Fantastisch!

FYP: Haben Manager und Führungskräfte diese Fähigkeit nicht sowieso, damit sie ihren Job gut machen können?

PMB: Zum einen machen sie oft ihren Job nicht so gut wie sie könnten, weil sie genau diese Intuition nicht haben und zum anderen fehlen meist die geeigneten Werkzeuge, um sich einem Prozess und einer zugehörigen Entscheidung so zu nähern. Damit sind sie immer im Risikovermeidungsmodus und trauen sich oft keine progressiven Entscheidungen zu.

FYP: Worauf basiert dieses Vorgehen?

PMB: Es basiert auf einer gründlichen Analyse und genauen Aufzeichnung von Abläufen. Dann wird die Mechanik dazwischen gebaut, also die Wirkzusammenhänge werden in das Modell eingefügt. Dazu kommen die potentiellen Stellschrauben mit ihren Wirkrichtungen und, ganz wichtig, die potentiellen Stellschrauben, die noch nicht genutzt werden, aber in Frage kommen. Ergänzt mit Impulsen, die von außen gegeben werden, wo es lohnen könnte, zusätzliche und vielleicht auf den ersten Blick ungewöhnliche Parameter zu ergänzen. Von außen hat man einfach einen anderen Blick!

FYP: Das ist ja nah an einem klassischen Controlling-Ansatz.

PMB: Bis zu dem Punkt der gründlichen Aufzeichnung und Eingabe in eine Software schon, aber dann werden die Simulations- und Business-Gaming-Modelle deutlich mehrdimensionaler und viel komplexer. Sie müssen sich vorstellen, dass solche Modelle noch vor wenigen Jahren nur in Supercomputern und mit sehr teurer Software abbildbar waren. In Excel geht das alles nicht mehr. Die klassische Szenario-Denke nutzt solche Modelle schon lange, aber was der neue Ansatz reinbringt, ist die Anwendbarkeit auf fast alles und das ohne gewaltige Kosten.

FYP: Wie sieht dann so ein Modell ganz konkret aus?

PMB: Je nach Komplexität entscheiden Sie, ob Sie nur eine Zahlensimulation machen oder auch eine grafische Abbildung. Ich persönlich mag die grafische Abbildung. Das wirkt dann wie eine digitalisierte Fabrik aus Lego und alles bewegt sich und es füllen sich Schreibtische, es bewegen sich Waren und Menschen, es sind Anzeigen sichtbar, die Umsätze oder Margen zeigen, usw.

FYP: Aber niemand sitzt dann einfach davor und schaut zu, oder?

PMB: Nein – jetzt kommt der Teil, bei dem Manager und Führungskräfte ihren großen Aha-Effekt bekommen. Jetzt dürfen sie endlich mal mit dem Prozess oder Unternehmensteil spielen und das ganz ohne Risiko. Und sie sehen sofort die Auswirkungen. Vor allem Auswirkungen, die sie niemals erwartet hätten, und besonders schön sind die, die sie völlig falsch eingeschätzt haben.

FYP: Da gibt es also große Überraschungen?

PMB: Ja, gewaltige. Da sitzen plötzlich Entscheider am Simulationsmodell, die seit Jahren einer Annahme nachlaufen, die sich binnen Sekunden als Trugbild entlarven lässt. Beispielsweise können hervorragend die Auswirkung einer Ressourcenveränderung aufgezeigt werden. Das einfachste Beispiel ist eine leistungsfähigere Maschine oder ein zusätzlicher Mitarbeiter. Diese Änderungen wirken nämlich viel weiter als man denkt. Übrigens: Wenn man es wenigstens denkt, dann nie so, wie die Änderung tatsächlich wirkt.

FYP: Was ist denn genau in der Simulation zu sehen?

PMB: Sie sehen z.B., dass die Maschine oder Personalressource, die Sie hinzugefügt haben, am anderen Ende der Kette einen Prozess zum Erliegen bringt, weil ein anderer Schreibtisch überläuft oder ein Stau auf der Rampe entsteht. Soweit ist das noch mit etwas geistiger Agilität auch ohne Simulation fassbar. Aber spätestens wenn ich erarbeiten möchte, wie ich meinen Stau an anderer Stelle löse, kommt eine wahnsinnige Komplexität rein, denn solche Prozesse laufen ja nicht linear und haben hunderte Knoten, wie zum Beispiel den zeitlichen Verlauf über den Tag. Die Wirkung der Mittagspause kann gewaltig sein. Also ist es gut möglich, dass der eben entdeckte Stau an anderer Stelle nur in ganz bestimmten Momenten entsteht. Und schon haben Sie eine ganz wertvolle Information, denn es ist schon ein Unterschied, ob Sie eine Vollzeitstelle besetzen oder eine Zeitarbeitskraft für drei Stunden in einem identifizierten Zeitfenster einsetzen.

FYP: Bei einem solchen Prozess ist mir das klar, aber viele Unternehmen bewegen ja keine Waren mehr.

PMB: Diese haben sogar einen noch größeren Simulationsbedarf. Denn die können nichts mehr anfassen und damit geht fast jede erlernte Intuition verloren, weil alles Haptische dematerialisiert ist. Und das ist auch gut so, weil besonders dematerialisierte Prozesse, virtuelle Leistungen, wie Helpdesk oder Customer Care, aber auch Abläufe in papierlosen Prozessen, besonders einfach zu simulieren sind. Geistige Prozessorzeit eines Menschen ist ja genauso wie die Verarbeitung in einem Computer oder einer Maschine eine Verarbeitung, die dauert und Ressourcen braucht. Selbst die Informationsweitergabe ist ein simulierbarer Vorgang, der je nach Inhalt und den beteiligten Personen und Instanzen ganz unterschiedliche Leistungsparameter hat, die alle auf den Ablauf einwirken. Nur eben wie?

FYP: Dann lässt sich also die ganze Welt simulieren?

PMB: Irgendwie schon, aber wozu?

FYP: Sie sprachen vorhin von der Intuition – was hat es damit auf sich?

PMB: Eines der größten Probleme ist, dass modernes Management und die Digitalisierung durch Dematerialisierung fast aller Dinge, uns unserer ursprünglich antrainierten Fähigkeiten zur Einschätzung von Situationen und Zusammenhängen beraubt. Seit unserer Kindheit haben wir haptische Beziehungen gehabt und diese dann ins Verhältnis zu Erfahrungen gesetzt. Einen schweren Hammer haben wir angefasst und können daher seine Wirkung auf ein Werkstück einschätzen. Intuitiv bauen Sie damit eine Relation zu anderen Entscheidungen auf – Sie haben eine Ahnung davon, warum ein Hammer mit einem leichten Kopf für eine bestimmte Tätigkeit vermutlich schlechter ist als der schwere, den sie kennen. Und dafür brauchen Sie den leichten gar nicht zu sehen oder anzufassen. Die Beschreibung eines Mitarbeiters im Dialog genügt, und Sie wissen, ob Sie zweifeln oder ihn bestärken sollen.

FYP: Und mit der Intuition werden Entscheidungen besser?

PMB: Indirekt – dadurch, dass sie anfassbar werden und Sie ein besseres Zutrauen bekommen weil Sie die Wirkung sehen, also damit fassen können, werden Sie Entscheidungen treffen, zu denen der Mut ohne Simulation gefehlt hätte. Außerdem kommen Sie aus den Glaubenskriegen in Management-Prozessen heraus.

FYP: Glaubenskriege, was läuft denn da ab?

PMB: Management und Managementverfahren haben ja tiefe Wurzeln in der Militärgeschichte. Da gibt es eine Menge Verfahren und Abläufe, die sind ganz nah am Feldzug oder Stellungskrieg. Bis hin zum gewählten Wording. Aber das war ja nicht Ihre Frage. Es hat viel mit Macht, Glaube und Bündnissen zu tun. Mit Simulation versachlichen Sie eine Entscheidung, weil sich wirklich niemand dieser Form der Wirklichkeit verschließen kann. Dann schweigt plötzlich der, der immer eine These hatte, die nun für alle sichtbar widerlegt ist.

FYP: Dauert so etwas lange?

PMB: Normalerweise nicht. Meist sind es einige Wochen bis wenige Monate. Das hängt ganz von der Komplexität ab und vom Anspruch an die Aufbereitung der Ergebnisse. Reicht das Ergebnis oder muss die Simulation richtig sexy aussehen? Aber diese Entscheidung trifft man passend zur Aufgabenstellung, so dass es passt und das Budget schont.

FYP: Und wie sichert man die Qualität – das ist ja Hightech!

PMB: Ich habe das große Glück, einen anerkannten Lehrstuhl einer Universität an meiner Seite zu haben. Das ist in der Kombination der Kräfte und Erfahrungen ziemlich einmalig.

FYP: Qualität durch echte Forschung und Bildung?

PMB: So dürfen Sie es gerne nennen. Bereits der Umgang mit der Software und den Erhebungsmethoden hat bei dieser Zusammenarbeit eine andere Qualität, als wenn Sie rein privatwirtschaftliche Partner nehmen. Sowohl die Modelle, wie auch der Erstellungsprozess werden hier ganz anders gechallenged. Die wissenschaftliche Arbeit der Studenten fließt direkt mit ein und sorgt für eine ganz besonders hohe Qualität.

FYP: Ist eine Bildungseinrichtung auch ein Versprechen an Neutralität und echte Sachlichkeit?

PMB: Mir ist diese Zusammenarbeit besonders wichtig, weil eben kein Hype bedient oder irgendwelcher Voodoo-Kram gemacht wird. Das macht kein Lehrstuhl einer seriösen Hochschule mit. Damit hat man immer ein wichtiges internes Argument, wenn Ansprechpartner im Entscheidungs- und Change-Prozess stecken.

 

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Peter Bickel