Personalführung 4.0: Empathie trifft auf Intuition

FYP: In Vorbereitung auf unser heutiges Gespräch ist mir der Begriff „Arbeit 4.0“ häufiger begegnet. Dabei ging es um die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Arbeit. Vornehmlich war von Automatisierung und Dematerialisierung von Geschäftsprozessen die Rede. Empathie und Intuition habe ich nicht gefunden. Was verstehen Sie also unter Personalführung 4.0?

PMB: Ich zerlege zunächst den Titel, um Ihnen die drei Dimensionen deutlich zu machen: Empathie ist eine wesentliche Eigenschaft hervorragender Führungskräfte und steht für die Fähigkeit, das Richtige zu hören und zu sehen, vor allem das, was vom Gegenüber nicht gesagt wird. Intuition steht für eine fast vergessene Fähigkeit, zu antizipieren und schneller und früher dran zu sein als die, die nur auf Basis von Auswertungen, Charts und Fakten arbeiten. Mit Personalführung 4.0 verbinde ich die spezielle Herausforderung Menschen zu leiten, die in einer Lebenswirklichkeit unterwegs sind, die sich radikal von den Strukturen der Unternehmen und Familien des 20. Jahrhunderts unterscheidet.

FYP: Lassen Sie uns der Reihe nach vorgehen: Kann ich Empathie lernen?

PMB: Wenn Sie zwei bis drei Grundeigenschaften haben und/oder bereit sind, sich diesen Eigenschaften gegenüber zu öffnen, können Sie Empathie durchaus lernen.

FYP: Welche Eigenschaften sind das?

PM: Spaß und echtes Interesse an Menschen ist eine wesentliche Eigenschaft. – Vielleicht sogar eine Voraussetzung. Ich bin immer wieder schockiert, was sich Einzelpersonen oder auch Organisationen so alles antun. Da vergisst ein Unternehmen erst einmal, dass es für seine Spezialisten auch Fachkarrieren anbieten muss, um den Hunger nach Anerkennung, Macht und der notwendigen Befriedigung der Eitelkeiten zu stillen. Also wird mangels Anerkennung von Fachkarriere ein glänzender Fachmann mit großen Verdiensten in eine Führungskarriere mit 15 Mitarbeitern als Direct Reports gesteckt. Der Mann liebt seinen brillanten Ingenieurs-Geist, liebt das Detail in der Technik, und nun?

FYP: Er muss führen lernen?

PMB: Genau! Und dies stets und ständig, weil seine Mitarbeiter auch völlig berechtigt seine Führung einfordern und ganz schnell merken, dass sie schlecht oder gar nicht geführt werden. Er hört nicht zu, ist ständig genervt und allmählich beginnt er dann, seinen Job zu hassen. Immer mehr drängt er sich selbst dazu, schnelle, mechanische und pragmatische Lösungen zu suchen, so wie er es in der Facharbeit vorher auch gemacht hat und damit durchaus erfolgreich war. Das Ganze kann dann soweit gehen, wie mir einmal jemand gestand: „Ich hasse meine Mitarbeiter – ich kann mir das ganze Gesülze nicht mehr anhören. Die saugen mich aus!“

FYP: Ist jeder automatisch eine schlechte Führungskraft, wenn er anders gestrickt ist?

PMB: Ganz wichtig: Ich werte hier nicht, welche Fähigkeiten die besseren sind, ich spreche nur aus, was Fähigkeiten und Tendenzen bewirken. Zurück zu Ihrer Frage. Ohne diese Eigenschaft ist eine Führungskraft zumindest stark limitiert und muss an anderer Stelle kompensieren oder die Bereitschaft haben, zumindest soviel Einlassen auf Mitarbeiter zuzulassen, dass möglichst wenig Potentiale vergeudet werden. Das kann man im Rahmen eines Performance Mentorings sehr leicht lernen. Damit wird keiner zu einem Meister, aber zumindest ein guter Geselle. In der Addition mit den anderen Fähigkeiten ist das eine gute Ausgangslage.

FYP: Geben Sie mir doch bitte mal ein pragmatisches Beispiel, wie ich in Bezug auf Empathie besser werden kann?

PMB: Sie müssen zunächst einmal sich selbst unter Kontrolle bekommen. Das geht mit einigen Techniken ganz gut. Schalten Sie in Gesprächen einen Gang runter und versuchen Sie vor allen Dingen nicht vorauszudenken. Damit nehmen Sie sich und Ihrem Gesprächspartner die Möglichkeit, seine Sicht und Gedankenwelt wirklich ernst zu nehmen. Versetzen Sie sich häufiger in die andere Person. Versuchen Sie zu erfühlen, was das Gegenüber vermutlich treibt und nicht das, was Sie gerne hätten, was ihn oder sie treiben soll. Ebenfalls unerlässlich: Lernen Sie aktives Zuhören. Stellen Sie reflektierende Fragen. Damit zwingen Sie sich selbst auch über das Gehörte nachzudenken. Das sind ganz einfache Hilfen, von denen es natürlich noch viel mehr gibt.

FYP: Kommen wir nun zur Intuition. Diesen Begriff haben Sie ja auch schon in anderen Gesprächen erwähnt. Warum ist er aus Ihrer Sicht so wichtig?

PMB: Seit langem dominieren in den meisten Geschäftsentscheidungen nur noch Zahlen und Algorithmen. Es werden mehr und mehr Entscheidungen getroffen, indem nur noch die Mechanik einer Excel-Tabelle oder eines Business-Intelligence-Systems bestätigt wird. Da unten steht 80% Chance, also ist es eine gute Entscheidung. So ein Bullshit! Das kann jeder. Und damit meine ich nicht nur jeden Manager, sondern jeden Mitarbeiter in jeder Position. – Dazu muss man ihn nur ein paar Wochen konditionieren.

FYP: Sie wollen sagen, dass es gar keine Manager mehr braucht, um Entscheidungen auf der Grundlage von Daten und Fakten zu fällen?

PMB: Doch, unbedingt, aber für etwas anderes. Wenn Sie nun eine außergewöhnlich gute und wegweisende Entscheidung treffen wollen, dann braucht es eben mehr als die Mechanik der Zahlen. Hier kommt die Intuition ins Spiel. Viele verwechseln Intuition mit einem Gefühl des Augenblicks, aber das ist falsch. Intuition im Management bedeutet vor allem die großen Bilder zu verstehen, zu fühlen, warum eine bestimmte Berechnung zu einem bestimmten Ergebnis führt, obwohl die Herleitung extrem komplex und von vielen Parametern bestimmt ist. Und genau so komplex und von vielen Parametern bestimmt ist eben auch eine Gesamtorganisation. Da hilft die Macht der Zahlen auch nur als Teilaspekt.

FYP: Klingt noch etwas abstrakt, wie mache ich das konkret?

PMB: Das machen Sie nicht einfach „mal so“. Sie erlernen das über einen Zeitraum, in dem Sie beginnen, auf die Dinge anders zu schauen. Sie suchen nach Mustern und nicht mehr nach dem kleinsten Detail. Damit funktioniert Ihre Wahrnehmung bereits anders und das kann ich Ihnen vermitteln und im Performance-Mentoring ist das ein wichtiges Element. Ich hatte selbst einmal einen dieser extrem intuitiven und aus meiner Sicht nahezu genialen Chefs. Dem wurde zum Beispiel ein extrem komplexes Excel-Chart mit irgendeiner Berechnung an die Wand geworfen. Viele Spalten und Zeilen, eigentlich zu viel für ein Meeting. Er war in der Lage binnen weniger Sekunden auf die eine Zelle oder Spalte zu zeigen, in der ein Fehler war. Und es war dort auch in der Tat ein Fehler. Ganz wichtig: Er hat nichts nachgerechnet! Er hat das Ganze erfasst und versucht die Muster zu sehen, damit er Abweichungen spürt.

FYP: Und dann haben sich wieder alle erneut an ihre Rechenmaschinen gesetzt?

PMB: Nein, wir hatten dann plötzlich eine ganz andere Diskussion im Raum. Der Fehler heißt ja nicht, dass alles falsch ist. Er kann ja auch eine Chance aufzeigen oder für die eine Anomalie stehen, die die eine oder andere Entscheidung begünstigt. Und die Erkenntnis über die Abweichungen und die daraus folgenden anderen Betrachtungswinkel führen zu den potentiellen Risiken, aber auch zu den Chancen.

FYP: Der dritte Begriff war die Personalführung 4.0. Braucht denn alles heute ein „4.0“?

PMB: Irgendwie schon, zumindest alles, das von der vierten industriellen Revolution betroffen ist. Die Personalführung ist dies wie kaum ein anderer Bereich. – Die meisten haben das nur noch nicht gemerkt.

FYP: Was beeinflusst die Personalführung der Zukunft so sehr?

PMB: Wir werden durch die Zunahme der Digitalisierung immer weniger Arbeit haben. Also steigt das Niveau der Mitarbeiter an, weil die einfachen, automatisierbaren Dinge wegfallen. Wenn Sie nur noch sensible Hochleistungspferde haben, dann ist das eine andere Führungsaufgabe, als wenn Sie eher genügsame Arbeitspferde betreuen. Der nächste Punkt liegt in der Entwicklung der Arbeitssituation. Anwesenheit wird immer weniger wichtig, weil sich viele Dinge z.B. ins Home-Office oder an einen zu Ihrem Leben passenden Ort für die Arbeit verlagern lassen.

FYP: Halten Sie das für eine gute Entwicklung?

PMB: Sogar für eine sehr gute. Es ist doch eine Befreiung für die Menschen. Schauen Sie einmal zurück. Als die Menschen von der stupiden Arbeit an Bändern entlastet wurden, war das eindeutig eine Befreiung. Denken Sie an die Automobilproduktion vor 30 Jahren und die vielen kaputten Rücken und Gelenke. Heute befreien wir die Menschen vom Zwang sich in ein hässliches Bürogebäude zu schleppen und ganz ehrlich – auch die Bemühungen um die schönsten Büros sind irgendwie hilflos im Vergleich zu den individuellen Bedürfnissen. Leider überfordert das viele Führungskräfte, weil nahezu alle bisherigen Techniken versagen. Anwesenheit, als sehr einfaches Mittel zu Einschätzung von Disziplin und Leistung, fällt dann weg. Wobei Anwesenheit noch nie ein gescheites Kriterium war!

FYP: Was empfehlen Sie dann?

PMB: Wir setzen uns mit der neuen Mechanik für die Führung auseinander. Der Individualisierungsgrad nimmt dramatisch zu. Also führen Sie plötzlich fast nur noch individuell und fast nur noch sensible Hochleistungspferde mit hohem Aufmerksamkeitsbedarf. Das müssen Sie als Führungskraft mit Ihren eigenen Fähigkeiten abgleichen und da hilft der Blick von außen sehr gut, weiter an den richtigen eigenen Skills zu arbeiten.

FYP: Gibt es da denn auch wieder diese konkreten Ansätze?

PMB: Klar, wir haben eben darüber gesprochen. Empathie z.B. wird der Turbolader für die Personalführung 4.0, weil Sie darüber an die kleinen sensiblen Stellschrauben herankommen, damit sich Ihre Mitarbeiter langfristig wohlfühlen und echte Lust auf Höchstleistung bekommen und diese lange halten.

Peter Bickel