Intuition: Ein entscheidender Performance-Turbo

FYP: In einer Welt der modernen Analytik- und Controlling-Methoden in Unternehmen oder der Smart-Wearables, die den Menschen vermessen und in Zahlen packen wollen, klingt Ihre These über die Bedeutung von Intuition gewagt.

PMB: Zuerst einmal sind gute und tragfähige Thesen immer gewagt, denn sie sind ja das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den jeweils herrschenden oder bestimmenden Umständen. Da diese Umstände meist durch einen breiten, leider oft oberflächlichen Konsens und die schiere Kraft und Macht der lautstarken Verbreitung getragen werden, sind relevante Thesen immer ein wenig David gegen Goliath.

FYP: Sie haben also eine reife Überlegung hinter dieser These?

PMB: Ja, eine sehr reife und diese fußt auf meiner langjährigen Beobachtung von Menschen und meinem Wirken in Unternehmen. Ich erkläre es mal schonungslos: In den 1990er Jahren haben die Controller und Betriebswirte die Macht in Unternehmen übernommen. In der Folge haben sie zudem noch die gesamten Wirtschaftssysteme darauf ausgerichtet und damit letztlich einen bedeutenden Teil unserer Gesellschaft darauf gepolt. Die nackte Wahrheit der Zahlen ist seither die Maxime nahezu aller Entscheidungen. Wenn die Mechanik der Zahlen und Excel-Formeln den Daumen nach oben hält, dann ist etwas richtig. Damit kommen aber alle Entscheider zu ähnlichen Ergebnissen zu einer Sache, denn die Mechanik ist überall gleich. Also bleibt zur Differenzierung nur der Intuitions-Teil.

FYP: Aber zunächst muss doch Sicherheit in eine Entscheidung gebracht werden?

PMB: Gekauft! Natürlich haben Sie ein Bedürfnis nach Sicherheit, das befriedigt werden möchte. Aber es ist eine Frage der Reihenfolge und die ist oft die Falsche. Ist die Absicherung mit den Zahlenkolonnen der Motor oder der Airbag? In unserer Wirtschaftswelt ist dieses Sicherheitssystem zum Motor geworden und der Airbag ist so groß, dass Sie die Straße nicht mehr sehen können. Mittlerweile sind wir soweit, dass Menschen das nicht mehr merken und immer so weitermachen.

FYP: Aber was sollen die Mitarbeiter denn machen, wenn sie Teil eines Systems sind?

PMB: Das ist mir zu einfach – der Mitarbeiter als Opfer seines Umfelds! Darüber könnten wir stundenlang reden – nur ein Gedanke dazu: Die meisten Menschen, und ich sage bewusst die meisten, stehen genau dort in ihrem Leben, wo sie stehen wollen. Es sind nämlich nicht die Umstände sondern es ist das, was der Mensch aus den Umständen macht. Die Beeinflussbarkeit eines Systems ist niemals null und bei den meisten, mit denen ich arbeite, ist der Einfluss weit größer, als sie vor der Zusammenarbeit dachten. Deshalb ziele ich auch immer nur bedingt auf Unternehmen als Organisationen, sondern zentral auf den Menschen, der mit seinem Wirken eine Organisation und sein Umfeld massiv beeinflussen kann.

FYP: Wenn wir nochmal auf die Intuition schauen, was macht sie aus Ihrer Sicht so machtvoll?

PMB: Zuerst einmal ist sie ein Differenzierungsmerkmal. Intuition kombiniert Sinneswahrnehmung, Erfahrung und direktes Feedback in einem Entscheidungsprozess. Da bei jedem Menschen mindestens eine Eingangsvariable anders ist, haben sie zwingend unterschiedliche Ergebnisse. Aber erst die Wahl macht doch eine Differenzierung möglich – die Zahlenkolonnen zwingen alle Unternehmen vorwiegend vierlagiges Klopapier mit rosa Blümchen herzustellen.

FYP: Also mehr Erfolg durch mehr Intuition?

PMB: Natürlich. Ein Beispiel ist doch die Art und Weise, wie sich Unternehmen unterschiedlich entwickeln. Glauben Sie etwa, dass z.B. Google in München auf andere Studenten der Universitäten oder Hochschulen in München zugreift, als die Traditionsunternehmen, bei denen das eine oder andere in einer ziemlichen Sackgasse steckt? Nein, das ist der gleiche Pool. Aber dann werden diese Studenten in ganz unterschiedliche Systeme entlassen, und ich meine jetzt nicht unterschiedlich im Sinn von schwarz-weiß. Ich spreche von der Balance, denn auch Google ist ein Milliardenkonzern mit Strukturen und Regeln.

FYP: Steigt denn andererseits nicht die Fehlerquote?

PMB: Nein, keine Sorge! Natürlich verändern sich die Spielregeln im Unternehmen wie auch im Markt, aber da geht es vorwiegend um Chancen und Umverteilung.

FYP: Chancen gut und schön. Aber gilt es nicht vor allen Dingen, den einen großen Fehler zu vermeiden?

PMB: Für den einen großen Fehler haben wir doch den Airbag. Kompakt, zuverlässig und stets TÜV-geprüft. Tote gibt es also nicht. Aber es gibt eine Menge neuen Fahrspaß und die Chance auf viele Pole-Positions. Mit mehr Intuition bekommen Sie mehr Kreativität, weil Sie andere Ergebnisse erzielen, als mit der reinen Abwägung auf der Basis von Zahlenkolonnen. Mehr Kreativität bedeutet mehr Power und Lust. Mit Power und Lust steigt das Engagement. Mit mehr Engagement kreieren Sie bessere Produkte und Services. Natürlich steigt auch die Chance, mal daneben zu liegen, aber auf der anderen Seite haben Sie Produkte und Services, die sich plötzlich so weit abheben und differenzieren, dass Sie den einen oder anderen Fehler locker verschmerzen können.

FYP: Sie sagen in Ihrer These, dass die Intuition „entscheidend“ für die Performance ist. Gehen Sie damit nicht doch einen Schritt zu weit?

PMB: Keinesfalls. Die Intuition ist entscheidend, weil es einer der letzten Parameter ist, mit denen Sie sich als Mensch in ihrem Umfeld, also in der Gesellschaft, Ihrer Familie, Ihrem Freundeskreis und Ihrem Unternehmen außergewöhnlich einbringen können. Sie setzen damit Maßstäbe! Und natürlich, weil es der letzte Parameter für beruflichen Erfolg ist, der nicht durch Benchmarkverfahren in ein Verhältnis gesetzt wird. Intuition zuzulassen, schafft außergewöhnliche Ergebnisse, und das ist pure Performance.

FYP: Wie bringen Sie das jemandem bei, der durch sein gesamtes berufliches und privates Umfeld anders geprägt ist?

PMB: Ganz unterschiedlich. Es ist je nach Gesprächspartner Teil des Performance Mentorings, weil ich viel Wert auf ein Schärfen der Sinne lege. Bei der Betrachtung von Unternehmen ist es Teil der Innovationsarbeit – ich nenne es gerne „Thinking Different“ – und plötzlich sprudeln die Mitarbeiter und Kollegen. Erst fühlen sie sich unwohl, weil ich ihre Intuition locke und sie sich darin nicht sicher fühlen. Im weiteren Verlauf merken sie dann, dass die Intuition gar nicht so unsicher ist, sondern ein verdammt machtvoller, stabiler und kraftvoller Parameter.

FYP: Hat man Intuition nicht auch immer in sich?

PMB: Das ist ganz unterschiedlich. Leider ist es aber nicht wie Fahrradfahren. Fahrradfahren verlernen Sie nie, selbst wenn sie es 15 Jahre nicht getan haben. Mit der Intuition ist es anders. Es ist eine Eigenschaft, die verkümmert, wenn Sie sie nicht regelmäßig füttern und pflegen. Aber die frohe Botschaft ist, dass Sie mit dem richtigen und persönlichen Ansatz sehr schnell zurück an die Anfänge kommen und von dort auch wieder zügig das Fahrrad der Intuition sicher steuern lernen.

Peter Bickel