Nur ein softwareorientiertes Unternehmen hat eine Zukunft

FYP: Das softwareorientierte Unternehmen – wie muss ich mir das vorstellen? Wird jedes Unternehmen zu Amazon oder Google?

PMB: Nahezu jedes Unternehmen und jede Branche muss eine Softwareorientierung bekommen. Nur so kann man als traditionelles Unternehmen die Welle der Digitalisierung überleben und Relevanz behalten.

FYP: Was meinen Sie mit der kommenden Welle?

PMB: Ich mache immer noch die Erfahrung, dass sehr viele Manager, Unternehmer und Entscheider überhaupt noch nicht begriffen haben, was gerade passiert. Über Digitalisierung wird ständig gesprochen und es wird dann reflexartig an Programmen zur Digitalen Transformation gearbeitet. In Wirklichkeit beschäftigen sich die meisten Unternehmen mit der Effizienzsteigerung durch Vernetzung und Datenanalyse auf Basis der bestehenden Geschäftsmodelle und Produkte. Das ist töricht, denn die kommende Welle wird nahezu alle auffressen, die kein eigenes digitales Ökosystem haben. Vernetzung und Datenanalyse alleine sind eben kein Ökosystem.

FYP: Bedeutet „Auffressen“, dass es diese Unternehmen dann gar nicht mehr geben wird?

PMB: Nun, manche wird es noch geben, aber die hängen dann am Tropf der Unternehmen, die softwarezentrierte Strukturen aufgebaut haben, passende Plattformen anbieten und schnelle Innovationszyklen haben. Die diktieren dann den konventionellen Unternehmen, was der Rest vom Kuchen noch wert ist und wie viel Marge man bereit ist ihnen fürs Überleben zu geben. Das sind die neuen Spielregeln der digitalen Ökonomie.

FYP: Gibt es dafür schon Beispiele?

PMB: Aber natürlich. Nehmen Sie die Energie- oder die Versicherungsbranche. Diese Branchen sind hochgradig bedroht. Die Energiebranche nicht nur aufgrund der Energiewende, sondern ganz besonders durch die digitale Ökonomie. Es legen sich die neuen Player mit ihren Angeboten einfach zwischen den Kunden und den Anbieter. Da hat der Erzeuger bzw. Verteiler plötzlich keinen Kunden mehr, weil den ein Mittler hat, der einen super zusätzlichen Service wie z.B. Vertragsmanagement anbietet. Schwups – ist der ursprüngliche Leader eine Stufe weiter unten in der Wertschöpfungskette. Die Angreifer sind übrigens allesamt softwareorientierte Unternehmen.

FYP: Was machen denn Unternehmen, die es aus ihrer Sicht richtig machen?

PMB: Diese Unternehmen haben verstanden, dass sie eine eigene Softwarekompetenz brauchen. Und das meint nicht IT, die ich outsourcen kann, sondern es meint eine eigene Kernkompetenz um eigene digitale Ökosysteme zusammenzubauen – so wie die eigenen Produkte. Einfach nur eine Software nehmen und anpassen ist dafür zu wenig, deshalb ist z.B. Big-Data auch nur ein Baustein und kein Geschäftsmodell, wie manche glauben.

FYP: Aber gerade das machen doch viele Unternehmen. Ich lese ständig von „Big-Data“ und den gewaltigen Möglichkeiten.

PMB: Die Möglichkeiten sind ja auch gigantisch, aber erst in der richtigen Orchestrierung. Sie müssen eine eigene digitale Wertschöpfungskette bauen, die Alleinstellungsmerkmale beeinhaltet, die möglichst nicht von jemand anderem durch schlichtes Zusammenstecken von Software nachgebaut werden kann. Daher brauchen sie unbedingt eigene Softwareentwickler und Plattformexperten, die nicht nur vorhandene Software vom Markt parametrisieren, sondern eigene Bausteine schaffen, die einzigartig sind und nur ihnen gehören.

FYP: Also arbeiten dann in Zukunft beim Maschinenbauer mehr Softwareentwickler als Ingenieure?

PMB: Potentiell ja, und in einigen speziellen Branchen sogar ganz sicher. Um einzigartige Märkte zu erschließen brauchen sie auch einzigartige digitale Ökosysteme, also eine einzigartige Softwareorientierung -um das sperrige Wort nochmal zu bemühen.

FYP: Machen sich Unternehmen dann nicht ganz schnell abhängig von dem neuen Personal?

PMB: Das ist ein wichtiger Punkt. Aber abhängig sind sie doch bei ihren bisherigen Kernleistungen auch. Wenn sie verstehen, dass Software zentraler Teil der Wertschöpfung ist, dann ist Software eine zentrale Kompetenz und die würden sie weder bei den bisherigen Ingenieurleistungen noch bei Software outsourcen. Unternehmer der Zukunft müssen Software als kritisches Element betrachten – die sourcen sie niemals out. Damit verliert die Abhängigkeit an Schrecken und es wird ein innovatives Momentum daraus.

FYP: Wie sollten Unternehmen diesen Prozess am besten beginnen?

PMB: Das Management muss eine führende Rolle übernehmen und eine digitale Vision haben. Die erfolgreichen Unternehmen werden von Menschen geführt, die entweder Kinder der Software- und Digitalbranche sind oder eine hohe Affinität und Expertise darin haben.

FYP: Haben Sie ein positives Beispiel?

PMB: Tesla – und ich will jetzt nicht danach urteilen, ob das Unternehmen heute schon Gewinne erwirtschaftet. Ich will über die einzigartige Idee sprechen, die Elon Musk hat: Er hat begriffen, dass Software der zentrale Erfolgsfaktor ist. Also hat er ein eigenes Betriebssystem und eine eigene Tesla-Digital-Infrastruktur aufgebaut, die es ihm erlaubt nicht nur das Auto anders mit Funktionen zu versorgen, sondern jederzeit auch zusätzliche Services anzubieten. Er kann über Nacht rund um den Globus ein Update der Steuerung vornehmen oder eine neue Option verkaufen, für die der Besitzer nach dem Kauf nochmal Geld bezahlt – das Upgrade im After-Sales. Die traditionellen Autobauer hätten gerne diese Funktionen, denn sie wollen ja in Kontakt mit dem Kunden bleiben.

FYP: Und warum machen diese traditionellen Unternehmen nicht dasselbe?

PMB: Weil sie dafür das Produkt neu denken müssen. Tesla hat das Auto softwareorientiert gedacht. Traditionelle Unternehmen denken das Produkt in Blech und versuchen dann irgendwie Software dran zu flanschen und alles ist ein großer Kompromiss. Es ist doch lächerlich, dass ein millionenfach verkauftes Produkt wie ein fest eingebautes Navigationssystem nicht mal eine vernünftige Updatefunktion hat – ich muss dafür zum Händler fahren und die hängen mein Auto stundenlang an einen Computer. Das ist doch zum Kopfschütten!

FYP: Jetzt hat Tesla also ein eigenes Betriebssystem – ist das sinnvoll?

PMB: In diesem Fall ja. Auch hier müssen Unternehmen und Unternehmer umdenken. Software darf nicht nur unter Kostengesichtspunkten betrachtet werden und billig zusammengesteckt oder im Outsourcing eingekauft werden. Wenn die Software Teil des einzigartigen Ökosystems ist, mit dem sie sich vom Wettbewerb abgrenzen, dann geht es z.B. auch um die totale Kontrolle über die Funktionen, Entwicklungsschritte und die Fähigkeit die Potentiale der Software zu kennen und auszuloten. Ich kann nur jedem Unternehmen und jedem Unternehmer empfehlen ganz genau zu schauen, was andere innovative Unternehmen in dieser Hinsicht alles richtig machen.

FYP: Reicht da ein Blick aus?

PMB: Ganz bestimmt nicht. Es hilft auf jeden Fall nicht nur mehrere Unternehmen und fremde Branchen anzusehen, sondern vor allem zweimal hinzuschauen. Nehmen Sie nur mal die Fa. Amazon. Sie können gerne der größte Kritiker von den Auswirkungen des Online-Shoppings sein, aber das perfekte Kundenerlebnis im Bereich Online-Shopping ist da schon ganz nahe. Oder wieder Tesla – vielleicht aktuell nicht der kommerziell erfolgreichste Autobauer, aber dort hat man die Digital-Plattformen für Mobilität neu erfunden. Diese Plattform-Idee könnte ein Maschinenbauer mit weltweiten Kunden als Ausgangspunkt seiner Softwareorientierung nehmen.

Michaela Bickel-Friederix