Neue Kollaborationen von großen und kleinen Unternehmen

FYP: Ein neuer Trend für 2016?

PMB: Ja. Eine meiner Thesen ist, dass sich die industrielle Zusammenarbeit von Unternehmen fundamental verändert wird. Klein und Groß werden massiv kooperieren und neue Allianzen werden entstehen. Das bedeutet neue Spielregeln, neue Herausforderungen für die Unternehmens- und Führungskultur in Deutschland.

FYP: Unternehmen haben doch schon immer kooperiert. Was ist der neue Trend?

PMB: Es geht jetzt um eine andere Form der Kollaboration mit ganz neuen Regeln. Die Digitalisierung ändert die Spielregeln auch in diesem Feld fundamental. Bisher waren Kooperationen von der Übermacht der schieren Größe einer Seite geprägt. Es galt das Gesetz der auslaufenden Industriewelt des 20. Jahrhunderts: Größe, vergangene Investitionen und vor allen Dingen Infrastruktur bestimmten im Wesentlichen die Machtverteilung in einer Partnerschaft. Damit ist es nun vorbei!

FYP: Warum vorbei? Die Großen sind groß, die Investitionen sind noch immer da. Was ändert sich wirklich?

PMB: Der Wert hat sich verändert. Nehmen Sie mal das Netz eines Telekommunikationsanbieters. Das ist da. Sein Wert schrumpft aber täglich. Es wird zwar jeden Tag bedeutender für die Kommunikation, aber an sich verliert es an Wert. Den Wert haben die Services, die andere Anbieter über dieses Netz anbieten können. Und diese Services entstehen aus Innovationen und viele digitale Innovationen kommen aus den kleinen Unternehmen und Start-ups.

FYP: Damit ändern sich die Spielregeln?

PMB: In gewisser Weise ja. Man braucht nicht mehr zwingend Investitionen in Dinge, um ein riesiges, erfolgreiches Geschäft aufzuziehen. Und immer mehr Geschäftsmodelle, die aus der Welt des Haptischen kommen, werden gerade in das Digitale transformiert. Sie haben zum Beispiel kein Diktiergerät mehr dabei, um unser Gespräch aufzuzeichnen – also fehlen Gerät und Hersteller. Vermutlich ist der entscheidende Hersteller nun der Hersteller der App, die Sie gerade verwenden und die haben bis heute kein einziges Teil aus echter Materie produziert. Da wäre ein Hersteller von Diktiergeräten doch froh gewesen, wenn er eine kleine Truppe innovativer Geister vor 10 Jahren von der Leine gelassen und nun die App selbst hätte.

FYP: Also klein = innovativ und groß = wenig innovativ?

PMB: Das ist zu pauschal. Aber Trends werden ja nicht von einzelnen Fällen geprägt, sondern von umfassenden Entwicklungen.

Was unstrittig zu erkennen ist, sind die Regeln, nach denen große und sehr traditionelle Unternehmen oft funktionieren. Da stehen Werte im Vordergrund, die zumindest Innovationskraft nicht besonders fördern: Risikoaversion, höchster Fokus auf Stabilität, geringe persönliche Verantwortung und damit auch persönliche Chancen – wie Risikobereitschaft von Managern, um nur drei zu nennen. Anders bei den kleineren, bei denen häufig pure Innovationskraft der Motor ist, weil ihre Geschäftsmodelle und Produkte eh kopiert werden und sie ständig nachlegen müssen.

FYP: Wer dann nicht ein großes Unternehmen mit seinen finanziellen Möglichkeiten nicht am besten beraten, die Innovation in Form eines kleinen Unternehmens einfach zu kaufen?

PMB: Das funktioniert meist nicht und ist eher kontraproduktiv.

Stellen Sie sich das mal vor – und das ist jetzt kein verrückter Gedanke sondern Unternehmensrealität: Sie nehmen das Team eines kleinen innovativen Unternehmens, auf Entwicklung und Tatkraft des Einzelnen gepolt und vor allen Dingen schnell in seinen Entscheidungswegen. Dieses Unternehmen nehmen Sie nun unter die mütterlichen Flügel des großen. Muss ich noch viel sagen – die armen Jungs aus dem kleinen Unternehmen bringen plötzlich 50% ihrer Zeit mit Forecastbögen oder Risikobewertungsverfahren für Entscheidungen zu. Und dann wundern sich alle, dass die Innovation nicht mehr funktioniert, die Mitarbeiter abwandern, frustriert sind und der ganze Business-Case dahin ist.

FYP: Verstanden – dann kann man ja auch eine Start-up-Werkstatt daraus machen. Im Silicon Valley ist das ja ein bewährtes System.

PMB: Kann man, aber das funktioniert in Deutschland ebenfalls nur sehr bedingt. Wir haben die Kultur dafür nicht und in Unternehmenskulturen legen Sie den Schalter nicht von heute auf morgen um. Die Amerikaner haben Scheitern als Teil von Erfolg definiert. „Fail-fast“ ist ein bewährtes Prinzip und meint mit einer Innovation nicht zu groß zu starten aber eben zu starten. Und wenn sie im ersten Wurf nicht gut ist, dann weiß man das schnell, also fast, und kann nachsteuern. Wir Deutschen wollen von Anfang an null Fehler und Erfolg am roten Faden. Damit ist uns Start-up-Kultur nicht wirklich nah.

FYP: Düstere Aussichten – sind die zu überwinden?

PMB: Die Industrie muss sie zwingend überwinden, denn ohne die Innovation der Kleinen wird es die Großen bald nur noch als sterbende Dinosaurier geben. Beatmet und subventioniert, aber nicht mehr wirklich vital. Andererseits sind die Großen die große Chance für die Kleinen, denn sie haben das Kapital, um die Innovationsphasen zu finanzieren und die Marktzugänge, um die Vermarktung zu pushen. Außerdem schlummert in den Großen eine riesige Management-Erfahrung. Tradition und eine konservative Sicht sind ja keine schlechten Eigenschaften. Sie müssen nur passend eingesteuert werden.

FYP: Die Konservativen also in die Kleinen vorsichtig reinnehmen?

PMB: Nah dran. Ich kenne Modelle, die funktionieren. Dabei steht im Vordergrund, dass drei Regeln eingehalten werden: Erstens steht ein solides Unternehmen dahinter und sorgt für Sorgenfreiheit im Budget für eine vereinbarte Zeit – also kein Himmelfahrtskommando. Zweitens geht die Truppe für die Innovation aus dem großen Unternehmen raus. Räumlich und führungstechnisch. Drittens übernehmen drei bis vier erfahrene Manager die Patenschaft als Mentoren und Aufsichtsrat für diese Truppe. Damit kombinieren Sie die Kraft des Kleinen mit dem Schutz des Großen und haben sozusagen einen Fallschirm eingebaut, der nicht wie ein Klotz auf dem Rücken drückt, sondern sich sanft an die Innovationstruppe anschmiegt.

FYP: Also die Spielgruppe, die keine Regeln kennt. Will das nicht jeder?

PMB: Keinesfalls und es wäre sehr gefährlich, wenn dieses Bild z.B. im großen Unternehmen entstünde. Damit würden die Mitarbeiter im Großen abfällig herabschauen – die „Spinner“ da unten usw. Und die Mitarbeiter im Innovationsteam schauen abfällig nach oben und denken sich „…die Langweiler da oben verstehen nix von Innovation“.

FYP: Was kann ein Außenstehender da Besonderes tun?

PMB: Als Außenstehender haben Sie keine Meinung. Sie sind nicht kompromittiert. Sie können sich ganz auf Ziel, Team, Fähigkeiten und Kurssuche konzentrieren. Sie müssen nicht geliebt werden und stehen in keiner Abhängigkeit. Damit haben Sie bereits das Denken und die Impulse in dem Prozess drin, die Sie niemals von innen reinbekommen.

FYP: Ist das nicht unglaublich anstrengend, sich auf dieses Wechselspiel der Kulturen einzulassen?

PMB: Mir fällt es leicht. Ich mag das Multikultur-Management. Es erfordert sowohl im face-to-face wie auch im Workshop eine sehr individuelle Herangehensweise und es genügt nicht, eine Mission für ein Produkt zu gehen. Die eigentliche Mission sind die Menschen, und Sie müssen bereit sein, da nah ranzugehen. Das macht es herausfordernder, als einfach ein stupides Programm abzuspulen. Aber es gibt einem auch mehr zurück.

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Peter Bickel