Kann ich digitaler werden und damit erfolgreicher sein?

FYP: Zunächst einmal: Was macht Sie zu einem Experten der Digitalisierung?

PMB: Für mich ist Digitalisierung kein Hype, sondern eine Entwicklung, die ich seit 20 Jahren intensiv begleite und präge. Viele meiner Aufgaben als Manager und selbständiger Unternehmer waren von den Möglichkeiten der Digitalisierung und großer digitaler Projekte geprägt – lange bevor der Begriff zum Schlagwort wurde.

FYP: Wie sah denn Digitalisierung in der Vergangenheit aus?

PMB: Ich habe schon vor knapp 20 Jahren, damals als Organisationsentwickler, die Möglichkeiten der Digitalisierung als das neue Fließband des 21. Jahrhunderts erkannt. Dazu war ein damals ungewöhnlicher Denkansatz nötig: Quetsche deine Prozesse und Organisation nicht aus wie eine Zitrone, sondern entwickle sie zu einem smarten Gebilde. Effizienz kommt durch das reibungsarme und leise Ineinandergreifen von Prozessen. Wenn das als Basis gewährleistet ist, dann ist der Schritt zum Effizienzturbo über die Digitalisierung ganz einfach.

FYP: Ist Digitalisierung denn primär ein Effizienzfaktor?

PMB: Leider wird sie in der Tat von zu vielen Unternehmen nur so verstanden. Damit werden aber leider die Möglichkeiten nur zu einem Bruchteil genutzt. Digitalisierung öffnet ganz neue Räume, Sie können Prozesse völlig neu denken und Elemente in Ihre Produkte und Wertschöpfungsprozesse aufnehmen, die noch vor 10 Jahren unmöglich aussahen. Dazu bedarf es aber neben den passenden Anwendungen besonders der klugen Geister, die dieses Potential erkennen.

FYP: Heißt es also, man muss lernen, digital zu denken?

PMB: Ganz genau. Dahinter stecken ein paar Feinheiten, die anders sind, als in der traditionellen Welt der Industrialisierung und Automatisierung. Die Auslöser sind die gleichen wie vor 20 oder 40 Jahren. Sie suchen Kunden, Sie suchen einen Marktzugang, Sie suchen nach Transaktionen mit geringen Kosten, usw. Der Unterschied liegt im Tempo und der Innovationsgeschwindigkeit. Sie haben heute viel weniger Zeit für eine Anpassung in Ihrem Geschäftsmodell, weil die Digitalisierung vor allem die Geschwindigkeit erhöht und die Wertketten anders zerlegt. Es ist plötzlich relativ einfach für einen Newcomer sich z.B. zwischen den Hersteller eines Produkts und den Kunden zu legen. Und schupps – verlieren Sie Ihren direkten Kundenzugang obwohl der Angreifer nicht mal ein richtiges eigenes Produkt hat. Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

FYP: Was muss ich dann tun, um im Topf der Weizenkörner zu sein?

PMB: Zuerst einmal müssen Sie sich von alten Denkmustern lösen. Erstens: Sie müssen eine neue Geschwindigkeit zulassen, was den meisten schon schwerfällt. Aber das kann man lernen. Zweitens müssen Sie anders auf die Aufgaben schauen. Dazu gehört vor allem der Blick für den gnadenlosen Zug zum Loch – also wie kommt der Ball auf dem Grün aus zwei Metern am schnellsten ins Loch? Hier geht es um eine ganz gewaltige Portion Pragmatismus, denn digital heißt vor allem schnörkellos. Und die gute Nachricht auch hier: Dies lernen Sie ebenfalls ganz schnell, wenn wir zusammenarbeiten. Bei Ihnen z.B. würde ich einen Blick auf Ihre redaktionelle Arbeit werfen.

FYP: Sie wollen mich digitalisieren?

PMB: Arbeiten Sie beispielsweise schon mit Spracherkennung, um schneller von der Aufzeichnung zu einem korrigierbaren Script zu kommen? Das wäre gut, denn Sie könnten in der Zeit, in der Sie diese Arbeit machen, etwas anderes tun und den Computer arbeiten lassen – er kostet nix extra, egal wie viele Worte er umsetzt.

FYP: Dann rationalisiere ich mich ja selbst weg, je mehr ich digital denke!

PMB: Jetzt denken Sie gerade in alten Mustern. Was ich Ihnen mitgeben möchte, ist die Erkenntnis, was wichtig ist, was Ihre Wertschöpfung treibt und was dafür sorgt, dass Sie einzigartige Leistungen anbieten, die alle Welt haben möchte. Und die Transkription eines Interviews ist es wohl kaum, oder?

FYP: Gut und schön, aber das ist noch kein neues Geschäftsmodell, sondern eine reine Effizienzsteigerung?

PMB: Zur Änderung eines Geschäftsmodells nehmen wir einen zweiter Ansatz, um digital zu denken: Erst einmal suchen wir nach Ihren Kernkompetenzen und Kernwerten. Viele Unternehmen kennen die auch nicht wirklich. Es gibt zwar strategische Papiere und Unternehmensphilosophien, aber die leben mehr vom „Hier und Jetzt“ als von einer wirklichen Vision. Im zweiten Schritt kommt eine ganz spannende Frage: „Was davon bleibt einzigartig, wenn Sie die Materie weglassen?“ – Denn bei der Digitalisierung geht es vor allem um Dematerialisierung.

FYP: Produkte ohne Materie? Die Welt ist doch nicht nur eine Dienstleistung.

PMB: Nehmen Sie Apple, deren Kompetenz und Einzigartigkeit liegt nicht in der Produktion der Materie. Allein die digitalen Möglichkeiten haben Apple erlaubt, eine gnadenlose Fokussierung vorzunehmen und tolle Produkte und ein einzigartiges und sehr effizientes Ökosystem zu denken und aufzubauen. Das können die richtig gut.

FYP: Aber die Welt besteht nicht nur aus Apple. Viele Unternehmen haben eine integrierte Produktion und hängen an der Fertigung ihrer Produkte.

PMB: Genau das ist ja das Problem: Es ist doch nicht die Aufgabe eines Unternehmens an den Produkten zu hängen. Die Produkte sind nur die Folge von einer Positionierung, einer Kompetenz und einem Markt. Deshalb heißt Digitalisierung vor allem „weiter denken“, um auch in Zukunft Gehälter und Gewinne zu erwirtschaften. Wenn Sie auf Apple blicken, ist es eben doch ein hervorragendes Beispiel. Das andere Denken und das Denken in digital hat Apple vollkommen gewandelt. Die Mitarbeiter denken nicht in den Limits klassischer Unternehmen, bei denen die Entwicklung mit der Fertigung verwoben ist und der CEO seine Kunden gerne durch ein Werk führt und die Roboter tanzen lässt.

FYP: Apple hat aber auch viele Jahre gebraucht und manchen Rückschlag gehabt.

PMB: Rückschläge gehören in jeder Unternehmensentwicklung dazu. Der entscheidende Punkt ist aber, dass Sie Ihr Unternehmen in die digitale Welt von morgen führen und das mit Konsequenz und ohne Zögern. Wenn Sie gute Kernkompetenzen haben, dann ist die Digitalisierung eine riesige Chance.

FYP: Zerreißt das nicht Unternehmen?

PMB: Überhaupt nicht. Das entscheidende ist das Setup. Digitalisierung dürfen Sie niemals gegen das bestehende Geschäft setzen. Diese Art der Konkurrenz hat eine vernichtende Kraft. Dann beweisen die Traditionalisten, dass die Innovatoren Spinner sind und umgekehrt. Aber niemand sorgt für die Exzellenz in der Sache.

FYP: Und Sie steuern so etwas?

PMB: Das ist eine der wirklich schönsten Aufgaben, die es für mich gibt. Ich habe ja einen anderen Blick auf ein Unternehmen und sein Portfolio, wenn ich mitwirke. Ich bin weder verliebt noch seit Jahren von der Kultur geprägt. Ich kann völlig frei denken und einen Pol bilden, der andere mächtig in Bewegung versetzt. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die die Menschen durch den Blick von innen einfach übersehen, die aber die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens positiv explodieren lassen. Plötzlich bekommt das Team und damit das Unternehmen einen Impuls, der es komplett über sich hinauswachsen lässt.

FYP: Mit guten Branchenerfahrungen ist das sicher möglich. Sie können sich aber doch nicht in jede einzelne Branche mal eben schnell einarbeiten.

PMB: Es geht sogar besser ohne Branchenfokus! Wenn Sie immer die gleichen Fachexperten auf ein Thema ansetzen, wird nie was Neues dabei rauskommen. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel, was wirklich neu denken heißt – nämlich sich selbst neu zu erfinden: Da haben wir auf der einen Seite die Logistikbranche, die viele Waren bewegt und das sehr gut kann und hochgradig digitalisiert ist. Auf der anderen die Apotheker. Eine Branche, die immer mehr ächzt durch die Digitalisierung vom Markt verdrängt zu werden. Jetzt sind aber mal ein paar wirklich kluge Leute hinter der Ladentheke hervorgetreten und haben sich einfach mal neu gedacht. Die verstehen sich jetzt als Logistiker mit Mehrwertservice in Form von Beratung und nicht als Berater mit schlechter Logistik. Erkennen Sie feinen Unterschied?

FYP: Und was wird dann so anders?

Sie haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, warum ein Kunde Kunde wird und haben seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt gestellt. Im 21. Jahrhundert will er Service und perfekte Logistik. Und die Digitalisierung hat dort den Turbolader gespielt und macht eine Zukunftsfähigkeit für diese Unternehmen auf – ganz ohne Lobby und Verbände – nur über Kundenfokus, maximale Automatisierung durch Digitalisierung und exzellenten Service.

Peter Bickel