Fleiß & Ehrgeiz oder Talent & Motivation?

FYP: Worauf kommt es an?

PMB: Ganz klar – Talent und Motivation!

FYP: Warum?

PMB: Wir sprechen bei der besten Performance nicht über das untere Mittelmaß der eigenen Möglichkeiten, sondern über das Beste, was wir erreichen können. Dann ist Talent & Motivation für mich die Voraussetzung, die Kandidaten mitbringen müssen. Und genau diese beiden Aspekte beleuchten wir intensiv, weil sie das Fundament sind, auf dem aufgebaut werden kann.

FYP: Unsere aktuellen Bildungssysteme sehen das zumeist anders. Fleiß steht auf der Agenda ganz weit oben.

PMB: Das ist eigentlich völlig absurd. Der ganze Rest des Bewertungssystems beruht ausschließlich auf Talent und Motivation. Wenn sich dieses System nicht ändert, ist das der Grund, warum Sie in der beschleunigten und sich digitalisierenden Welt von heute und morgen immer mehr ins Schwimmen kommen.

FYP: Trotzdem sieht die Erfahrung der aktuellen Entscheider und Manager anders aus. Sie haben Fleiß und Ehrgeiz von Lehrern, Dozenten und Ausbildern zumeist eingetrichtert bekommen.

PMB: Nur scheinbar – das ist das perfide. Wenn Sie ein Talent für Zahlen haben, dann hatten Sie in Mathe schon mal per se 12 Punkte in der Tasche. Mit etwas Fleiß und Ehrgeiz kamen Sie auf 14 oder sogar mal 15 Punkte. Was für ein Quantensprung! Haben Sie eine Vorstellung, was ich an Fleiß in meine Lateinnoten gesteckt habe? Und es waren jämmerliche einstellige Noten. Ich war wirklich fleißig, aber eben komplett talentbefreit.

FYP: Wo soll das hinführen? Alle Schüler von Wissensgebieten befreien, für die sie kein Talent haben?

PMB: Nein, aber die Balance in der Bewertung von Talenten ändern und mich 50% weniger mit Latein traktieren. Hätte ich diese 50%, die ich brauchte, um mich um zwei jämmerliche Punkte zu verbessern, in mein Talent für Naturwissenschaften gesteckt, dann wäre ich vielleicht heute für einen naturwissenschaftlichen Nobelpreis nominiert. Nun ja, ich will nicht vermessen sein, aber meiner Überzeugung nach, gehen die meisten unserer Ausbildungs- und Qualifizierungssysteme damit falsch um.

FYP: Sie fordern also nichts Geringeres als eine Bildungsreform?

PMB: Ganz so hoch möchte ich es nicht aufhängen. Wir haben ein ordentliches Bildungssystem mit teilweise guten oder auch ein paar sehr guten Lehrern, Dozenten, Ausbildern usw. Das spricht dieses System aber nicht frei davon, sich in Inhalten und Ausrichtung an die veränderten Bedingungen von Gesellschaft und Wirtschaft anzupassen.

FYP: Was hat sich aus Ihrer Sicht so stark verändert?

PMB: Schule und Bildung, Universität und Weiterbildung haben einen anderen Auftrag als vor 50, 100 oder gar 150 Jahren. Schule lehrt heute nicht mehr Überleben. Kartoffelschälen und Ungeziefer zu identifizieren ist nicht mehr so bedeutend wie früher. Also sind die Fleißkarten auch nicht mehr so wichtig. Wir leben in einer Welt, in der wir den unglaublichen Luxus, aber eben auch die Verpflichtung haben, uns mit den Talenten und der Motivation von Menschen zu beschäftigen.

FYP: Also in die Tonne mit: Ohne Fleiß keinen Preis?

PMB: Aber ohne Talent und mit Fleiß eben auch nur ein kleiner Preis. Mein Thema ist Performance. Performance von Menschen für sich persönlich betrachtet und in ihren Rollen in Unternehmen und Wirtschaftssystemen. Also interessiert mich, wie man in seiner Welt mehr bekommt als den kleinen Preis. Damit sind wir dann bei der Grundlage, dass ohne die notwendige Bedingung Talent & Motivation nichts geht.

FYP: Nicht jedem ist sein Talent auf die Stirn geschrieben. Wie kommt man an die Talente heran?

PMB: Ich betrachte Menschen und speziell Menschen in ihrer Mitarbeiterfunktion anders als viele andere es tun. Mich interessieren vor allen Dingen drei Dinge: Gut – Motor – Leidenschaft. Also ein guter Motor mit Leidenschaft.

FYP: Wofür stehen die drei Platzhalter im Detail?

PMB: „Gut“ steht für „gut sein“. Also etwas können, das Potential hat. Der „Motor“ ist der „Antrieb“. Es muss einen Antrieb geben, eine Triebfeder, die für Bewegung nach vorn sorgt – also die Motivation. „Leidenschaft“ schließlich steht für das, was „Leiden schafft“. Also die Fähigkeit eine extra Meile zu gehen. Und jetzt haben Sie die Brücke zu den notwendigen Bedingungen für Performance. Fleiß und Ehrgeiz bedient selbstverständlich die Leidenschaft.

FYP: Warum machen denn so viele Menschen nichts aus ihren Talenten?

PMB: Die Antwort steckt in der Eingangsfrage. Talent ist ohne die passende Motivation nichts wert. Oder in meinen Dreiklang von gerade eben übersetzt: Gutes Potential, Motivation aber keine Leidenschaft heißt keine Performance. Also entweder die Leidenschaft wecken oder etwas anderes machen.

FYP: Theoretisch klingt das ja ganz einfach, aber warum tun es so wenige?

PMB: Weil es ein Bruch im Denken ist. Die meisten sind auf sequentielle Betrachtungen konditioniert. An der Performance arbeiten heißt, das Spiel mit den Wechselwirkungen erkennen, verstehen und beherrschen. Und dazu brauchen die meisten etwas Anleitung und ein wenig Absicherung, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

FYP: Wie sehen denn gute Anleitungen mit Sicherheitshaken aus?

PMB: Mir ist die persönliche Motivation am wichtigsten. Ich merke immer, dass sie irgendwie doch alles überstrahlt. Daher beginne ich meist mit diesem Punkt und räume ihm auch sehr viel Zeit ein. Hier kommt es auf eine fundierte Klärung an. Meine Ansprechpartner brauchen neben der Reflektion und dem Diskurs auch die Zeit, um mit den zumeist neuen Erkenntnissen ihren Frieden zu schließen. Es ist nicht selten, dass dabei die Eingangshypothese zur Motivation nicht bestätigt wird. Und dann passt das Können und Betätigungsfeld nicht und der stramm laufende Motor schiebt das Auto ständig von der Strecke. Dann versuchen wir, den Dreiklang herzustellen; manchmal geht das mit kleinen Korrekturen, und manchmal bauen wir den Wagen neu auf. Ziel ist immer das Potential auf die Pole-Position.

Peter Bickel