Zero-G Thinking oder: Denken wie ein Entrepreneur

FYP: Was zeichnet das Denken von Entrepreneuren aus?
PMB: Vor allen Dingen die Denkmuster, mit denen diese Menschen auf einen Reiz reagieren. Damit meine ich nicht nur die Arbeit, sondern ihr gesamtes Denken und Handeln. Entrepreneure unterscheiden sich von den Normaldenkern dadurch, dass sie bei denselben Sachen potentiell zu anderen Schlussfolgerungen kommen.

FYP: Also einfach nur das Gegenteil der Masse denken?

PMB: Nein, so einfach ist es nicht, denn damit haben Sie ja nur eine sehr begrenzte Chance etwas Besonderes zu denken und zu entscheiden. Die Chance liegt dann irgendwo bei kleiner als 50 Prozent, weil Sie einfach nur auf das Gegenteil setzen. Entrepreneure haben oft eine völlig eigenständige Logik, die Ihnen erlaubt in Situationen Entscheidungen zu treffen, in denen Normaldenker zögern oder hilflos umherirren. Bedeutende Impulse werden meist nicht dann gesetzt, wenn die Situation komplett planbar und überschaubar ist.

FYP: Wie sieht das in der Praxis aus und kann man das lernen?
PMB: Neben einer gewissen Agilität im Kopf brauchen Sie dazu auch eine Methode. Entrepreneure haben oft die Fähigkeit Muster anzuwenden, obwohl sie sie vielleicht gar nicht als Methode gelernt haben. Aber jeder Normaldenker kann die Methode erlernen und anwenden. Das Ergebnis wird ähnlich sein, wenn sich eine gewisse Routine einstellt.

FYP: Was muss ich lernen, um so zu denken und zu handeln?
PMB: Ich nehme jetzt mal eine verbreitete und ziemlich gut erforschte Methode, bei der es in erster Linie darum geht, die zu Dogmen glorifizierten Kausalketten auszuschalten. Ich möchte erreichen, dass Sie nicht primär versuchen das gewünschte Ergebnis in Gänze zu planen, sondern dass wir uns nur mit dem beschäftigen, was Sie wirklich beeinflussen können und was in Ihrem Handlungsraum liegt.

FYP: Und konkret?
PMB: Wir schauen damit anders auf die Aufgabe. Die Mittel und beeinflussbaren Faktoren stehen im Vordergrund und nicht das ferne Ziel. Wir denken nicht zuerst über ein gigantisches, vages Endziel nach und fragen uns, welche Mittel wir brauchen, um hinzukommen, sondern schauen zuerst einmal auf die zur Verfügung stehenden Mittel und finden heraus, was damit möglich ist.

FYP: Ist das aber nicht eine reine Reduktion auf die Mittel? Wie sollen dabei großartige Ergebnisse rauskommen?

PMB: Mit dem Fokus auf die Mittel kommen Sie sofort in Bewegung. Während die eher mit Zielen planenden Denker noch Denkschleife um Denkschleife fliegen, hat der Entrepreneur seine Mittel schnell gescannt und bereits eine Idee. Er macht also nun den ersten Schritt und dieser Schritt wird sofort Teil der Mittel und erschließt potentiell neue Mittel. Also sind seine Mittel sofort angewachsen und er kann neu abwägen und denken.
Mit dieser Methode nehmen Sie die verfügbaren Mittel als Anlass zum Handeln, exponieren die Idee und das mögliche Ziel sehr frühzeitig und zwingen sich, weiterzugehen, obwohl vage Elemente auf Ihrem Weg liegen werden – was sie übrigens immer tun.

FYP: Klingt pragmatisch und ziemlich einfach – loslaufen kann doch jeder!
PMB: Verwechseln Sie das aber nicht mit blindem Aktionismus. Außerdem steht es auch nicht im Widerspruch zur Zielorientierung. Es hilft nur sehr, wenn das Ziel noch nicht ganz klar ist und auch nicht durch die hundertste Diskussion oder Analyse klarer wird.

FYP: Ist das alles, was man an Methode braucht?
PMB: Es braucht noch mehr Impulse, wenn man mit dieser Methode versuchen will, eine Aufgabe zu knacken. Sie benötigen auch eine Anleitung, anders über den Ertrag und den potentiellen Verlust einer Idee oder einer Entscheidung nachzudenken. Klassische Logik lässt die meisten Menschen in gesichertem Ertrag denken. Die gehen erst weiter, wenn ihnen der Ertrag persönlich wie monetär hoch genug erscheint und genau abgesichert ist. Dies können sie aber oft in frühen Phasen einer Entscheidung oder eines Projekts nur schwer vorhersagen. Dann bleiben diese Menschen stehen und handeln nicht.

FYP. Und Entrepreneure machen auch das anders?
Ja, denn in diesem Dilemma überholen die Entrepreneure regelmäßig. Sie fokussieren auf den ertragbaren Verlust und legen diesen fest. Damit können Sie sofort einen nächsten Schritt gehen, weil Sie die Grenze selbst definieren, obwohl noch keine finale Ertragsbewertung möglich ist. Mit dem nun erfolgten Schritt vorwärts, ist die Wahrscheinlichkeit aber bereits gestiegen, dass Sie dem potentiellen Ertrag näherkommen und ihn genauer kennen, oder aber wissen, dass es alles Luft ist. Ihr Konkurrent mit dem reinen Ertragsdenken im Kopf ist aber keinen Schritt weiter, weil er auf die finale Absicherung des potentiellen Ertrags wartet. Cool, oder?

FYP: Klingt wirklich cool. Haben Sie noch andere Beispiele?
PMB: Dazu möchte ich mal einfach die Bedeutung des Zufalls hinterfragen. Die Unternehmens- und Handlungslogik der meisten ist es, den Zufall auszuschließen, weil Überraschungen potentiell gefährlich sind.
Sie müssen auch lernen, Überraschungen besonders wertzuschätzen und den Zufall als Partner zu sehen. Im Zufall stecken immer auch Chancen. Und wieder ist es wie im Beispiel zuvor. Während Ihr Kollege oder Wettbewerber noch in den Startblöcken steht, weil er nicht alles abgesichert und versichert hat, sind Sie dem Ziel näher gekommen, weil Sie agiler denken und handeln.

FYP: Und am Ende sind alle noch in den Startblöcken und ich bin isoliert und alleine aber losgelaufen?
PMB: Keineswegs. Es geht ja nicht ums Weglaufen und Abhängen. Es geht darum, wie Sie in Aktion kommen und eigene Grenzen sprengen, um hervorragende und außergewöhnliche Leistungen zu bringen.
Hier spielt gerade Teamorientierung und Partnerschaft eine große Rolle. Klassische Logik ist, dass man sich abgrenzt. Konkurrenz wird ferngehalten, alle haben nur Angst vor den möglichen Konkurrenten oder dem Diebstahl der Idee. Ich möchte Sie hier dafür gewinnen, dass Sie Partnerschaften suchen, auch konkurrierende. Es ist doch spannend und förderlich, wenn sich jemand an einem noch unsicheren Vorhaben beteiligt. Derjenige hat Fantasie, Mut und Inspiration!

FYP: Ich hole mir also zusätzliche Kraft von außen durch Mitstreiter?
PMB: Ja, Sie lernen dabei, wie man Allianzen schmiedet, denn jeder der in Ihr Boot kommt bringt doch etwas mit und – damit sind wir wieder bei Ziel und Mitteln – auch dieser Schritt ändert wieder die Mittel und bringt Sie in jedem Fall weiter. Sie gewinnen Klarheit über die Sache, der Ertrag wird besser erkennbar und Sie können schneller als andere weitergehen und das Ziel deutlicher herausarbeiten. Der Kreis schließt sich also, denn Sie sind mittelorientiert gestartet und bekommen doch die notwendige Klarheit über das Ziel.

Peter Bickel